Was Corona inklusiv macht

Es ist in dieser Zeit vielerorts davon zu hören, man solle die aktuelle Krise als Chance sehen und nutzen. Tatsächlich mag das für das Individuum funktionieren und auch ich versuche das Beste aus den Umständen zu machen. Das mag aber auch an meiner grundlegenden Einstellung zum Leben liegen, unabhängig von äußeren Gegebenheiten. Deswegen war auch von Anfang an geplant, dass Chance der dritte Begriff in meiner Reihe #26Gedanken wird.

Seit Wochen hadere ich allerdings mit mir.

Wie soll ich eine Situation als Chance begreifen, in der das Leben von vielen Menschen akut bedroht ist? Wenn Begriffe wie social distancing unser Zusammenleben bestimmen? Mit Existenzängsten von Freiberuflern, Kulturschaffenden und Angestellten genauso wie von Betrieben und Unternehmen egal welcher Größe?

Wie kann eine Krise zugleich Chance sein, wenn Menschen von ihren Liebsten getrennt sind? Schutzräume für Opfer von häuslicher Gewalt wegbrechen? Ängste, Depressionen und suizidale Gedanken von der Isolation genährt werden?

Nein, die jetzige Zeit ist für mich keine Chance. Es ist eine Krise. Punkt.

Aber!

Wie ich schon oben schrieb, versuche ich stets das Beste zu sehen. Und wenn das schwer fällt, so wie im Moment, dann doch zumindest das Gute. Und das gibt es auch jetzt, mitten in der Krise.

So sehr wir dazu angehalten sind, uns jetzt voneinander zu distanzieren, sitzen wir alle im selben Boot. Die Krise trifft uns alle, jeden einzelnen von uns. Natürlich trifft es den Einen härter als die Andere. Aber es trifft nun mal uns alle.

Und das macht die Krise inklusiv.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch uneingeschränkter und gleichberechtigter Teil der Gesellschaft ist. Inklusiv ist etwas also dann, wenn es diese Teilhabe ermöglicht. Ja, etwas so wichtiges wie das Menschenrecht auf Inklusion mit der grassierenden SARS-CoV-2-Pandemie in einen Kontext zu bringen ist Sarkasmus. Und doch ist es einen Gedanken wert.

Das Virus macht keinen Unterschied. Es gibt nur ein Ziel: den Menschen als Wirt zu nutzen. Dabei ist es egal, ob der Wirt gesund oder krank, behindert oder nicht behindert, jung oder alt, groß oder klein, dick oder dünn, sexuell aktiv oder nicht, Liebhaber oder Erzfeind von Pizza Hawaii ist. Die einzige Unterscheidung des Virus ist Mensch oder nicht Mensch, Wirt oder nicht Wirt.

Und damit hat SARS-CoV-19 etwas geschafft, was unsere Gesellschaft noch immer nicht vermag:
jeden Menschen als Mensch zu sehen.

Der Silberstreif

Im Moment ist es doch so: Niemand kann mehr einfach so in ein Restaurant gehen, ein Konzert besuchen oder einen schönen Abend im Theater verbringen. Wer auf Barrierefreiheit angewiesen ist, konnte das vorher auch nicht.

Stattdessen stellen Künstler und Schauspieler ihre Werke über das Internet zur Verfügung. Theater übertragen von der Bühne direkt ins heimische Wohnzimmer, mit Live-Streams aus angesagten Clubs kann man die Küche zur Tanzfläche umwidmen und die Stammbars und -restaurants der Gegend bringen Cocktails und Lieblingsessen mitunter bis an die Haustür.

Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben findet jetzt vermehrt (auch) zu Hause statt. Etwas, das sich nicht nur mobilitätseingeschränkte Personen seit langem wünschen. Es bleibt zu wünschen, dass der Erfolg von solchen Formaten registriert wird und auch in Zukunft die reiche Kulturlandschaft den Weg zu jedem nach Hause findet.

Eine weitere Sache, die hoffentlich auch in Zukunft weiter bestehen bleibt, ist die wachsende Solidarität gegenüber älteren Nachbarn und Mitgliedern der sogenannten Risikogruppe. Was spricht denn dagegen, für diese Personen bei Bedarf auch in kommenden normalen Zeiten einkaufen zu gehen und andere Wege zu erledigen? Oder sich im Treppenhaus, auf der Straße, egal wo nach ihrem Befinden zu erkundigen und sie zu fragen, ob und wie sie zur Zeit zurechtkommen?

Besonders bemerkenswert finde ich die Entwicklung rund um die Integration des Gebärdensprachdolmetschens in Pressekonferenzen und Live-Übertragungen. Über Julia Probst (@EinAugenschmaus auf Twitter), die eine entsprechende Petition gestartet hat, verfolge ich den Prozess schon von Beginn an. Mittlerweile haben bereits über 29.000 Menschen unterschrieben! Erste Erfolge, insbesondere auf Länderebene, sind bereits zu verzeichnen. Ich gehe fest davon aus, dass bei weiter steigendem Druck auch die Bundespressekonferenz mit Dolmetschenden live vor Ort durchgeführt wird – und das hoffentlich auch nach Corona.

Eine weitere Initiative zur Bereitstellung von Informationen ist die Arbeit der Taskforce Barrierefreie Kommunikation und Corona von Laura M. Schwengber (@LauraMSchwengber auf Twitter) und anderen engagierten Menschen. Auf Corona Leichte Sprache gibt es die wichtigsten Informationen in Leichter Sprache in Form von Materialien zum Ausdrucken, einem Lexikon mit Erklärungen zu häufig verwendeten Begriffen oder Tipps für die Gestaltung des veränderten Alltags. Von dort stamm übrigens auch das wunderbare Titelbild, mehr dazu am Ende des Beitrags.

Abschließen möchte ich mit einem weiteren Thema, das aktuell zu Recht in die öffentliche Wahrnehmung Einzug hält: der Unterbringung in Heimen. Die Meldungen über Covid19-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sind bekannt und zeigen eklatante Nachteile der Heimunterbringung auf. Zur gleichen Zeit gibt es von Seiten des Bundesgesundheitsministeriums eine Gesetzesinitiative namens Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz, kurz IPReG. Im Kern enthält das Gesetz die verpflichtende Heimunterbringung für Beatmungspatienten. Das bedeutet, dass pflegebedürftige Menschen, die auf eine Beatmung angewiesen sind, in Zukunft nicht mehr zu Hause leben und dort gepflegt werden dürfen. Stattdessen sollen sie in speziellen Einrichtungen untergebracht werden, fernab von Familie und Freunden und ohne das Recht auf selbstbestimmtes Leben. Um dieses Gesetz zu verhindern gibt es eine Petition, die momentan bereits über 183.000 Menschen unterzeichnet haben. Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, dem empfehle ich den Twitteraccount Freiheit für die Gänsegurgel.

Die Chance kommt nach der Krise

Ich weigere mich nach wie vor, die bestehende Krise als Chance zu sehen. Aber wenn alles wieder seinen gewohnten Gang geht, sich die Situation beruhigt und die Welt wieder in Ordnung ist, dann haben wir eine große Chance! Nämlich all die Dinge, die jetzt in den Fokus rücken und die man jetzt als wichtig und richtig erkennt, nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

Auch ohne eine Pandemie ist es wichtig, dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Sei es durch einen Livestream von Theaterstücken, die Zugänglichkeit wichtiger Informationen auch in Gebärdensprache und in Leichter Sprache oder ein selbstbestimmes Leben in der eigenen Wohnung für Menschen mit und ohne Gänsegurgel.

Bitte nutze daher schon jetzt Deine Stimme, unterstütze die Petitionen zu Corona-Infos für Gehörlose sowie zum Stopp des IPReG und sorge dafür, dass auch andere Menschen davon erfahren.


Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade von Kerstin Paar unter dem Titel Corona: Chance für Wandel. Die Idee dazu entstand bei einem Austausch unter Freiberuflern, der von Johannes Mairhofer ins Leben gerufen wurde.

Ich bin gespannt, wie du zum Thema Krise oder Chance stehst.
Schreib mir doch gern direkt per Mail oder über die sozialen Netzwerke. Oder lass uns telefonieren!

Bildquelle:
Simone Fass, Die visuelle Übersetzerin hat diese Darstellung für den Begriff Pandemie des Lexikons von Corona Leichte Sprache angefertigt. Ich bedanke mich für die Freigabe, das Bild für meinen Blog zu verwenden.